Chronik: Der Gipsabbau im Gauchachtal

21.02.20 | Von Sira Huwiler-Flamm

1740:Der Müller zu Rötenach (Getreidemühle) erhält die offizielle Erlaubnis der Herrschaft, Gips zu mahlen, obwohl es wegen der Verschmutzung des Getreides ungern gesehen war, wenn Getreidemühlen Gips mahlten. [1] Auf Gemarkung Döggingen wird erstmals der Gipsabbau erwähnt. [2] Familie Langenbacher erhält als erste die Genehmigung zum Gipsabbau. [3]
um 1752:Der Schattenmüller übernimmt das Mahlen des Gipses. [4]
1769:In Reiselfingen (Löffingen) wird eine neue St. Frisolin-Pfarrkirche im Renaissancestil gebaut. Die Stukkatur der Decke ist im Rokoko gehalten. „Für das Verputzen des Kircheninnenraumes wurden 18 Fass Gips und 100 Pfund Kuhhaare verbraucht. Der Gips kam u.a. von der Schattenmühle.“ [5]
1779:Nachdem die Trasse der Poststraße zwischen Brüssel und Innsbruck neu festgelegt wurde, errichtete Martin Böttle die Unadinger Poststation samt Posthaus neu. [6]
um 1784:Gesuche des Eulen- und Guggenmüllers, ebenfalls Gips mahlen zu fürfen, werden abgewiesen. [7]
1790:Der Posthalter Johannes Welte sah in Streitigkeiten der ansässigen Müller seine Chance und stellte einen Antrag beim Amt Löffingen . „Das Posthaus biete sich mit der Landstraße 'wegen der Ausfuhr, den übernachtenden Passagieren und den Fuhrleuten geradezu als Standort einer Gipsmühle an'. Zudem schaffe sie 'Arbeitsplätze in der Einöde'“. [8] Am 13. Februar 1790 erhielt er die Baugenehmigung und für die Dauer von 20 Jahren ein „Privilegium exclusivum“. In keinem der fürstenbergischen [9] Oberämter der Baar durfte danach eine weitere Gipsmühle gebaut werden. Damit hatte Welte das Monopol der Gipsherstellung und des -verkaufs auf der gesamten Baar. [10]
1792:Den streitenden Eulenmüller und Guggenmüller wurde 1790 das Gipsmahlen verboten. „Während sich der Eulenmüller mit diesem Bescheid abfand, schritt der Guggenmüller zur Tat. Mit Hilfe des Dögginger Vogtes öffnete er drei mal nacheinander des Posthalters Schleusen, so daß die Gipsmühle ohne Triebwasser stand. Daraus entwickelte sich ein […] Jahre langer Rechtsstreit. Dem Guggenmüller wurde 1792 schließlich ewiges Stillschweigen auferlegt, d.h. er hat verloren.“ [11]
1804:Am 20. Juli beschädigt ein Hochwasser durch Gewitter die Gipsmühle schwer. Erst Mitte November kann der Betrieb wieder aufgenommen werden. [12]
1824:Erwähnung des Gipsvorkommens in dem Buch: „Neue Leichtfassliche Anleitung zur Salzwerkskunde mit vorzüglicher Rücksicht auf Halurgische Geognosie": [13]
"Etwa 1/3 Stunde vor dem einzeln liegenden Unadinger Posthause, bis wohin man immer jenen Kalkstein hat, senkt sich die Ebene in ein tiefes Thal hinab, in dessen Tiefe das Posthaus steht. Ganz in der Nähe des Posthauses steht der Gips als mächtige Felsenmasse gegen 15 Lachter hoch zu Tage. Er ist gröfstenteils körnig, weifs und weifslichgrau, aber auch in einzelnen Lagen blätterig und faserig. Kaum 40 Schritte vom Gipsfelsen steht der alkfelsen ganz steil in ziemlich horizontalen Schichten zu Tage. […] Man würde noch jetzt wenig von den ausgedehnten und mächtigen Gipsniederlagen in dortigen Gipsgegenden wissen, wenn solche nicht durch due Fluthen, besonders im wild ausgerissenen Wutachthale so häufig entblößt worden wären, wie weiterhin bei Ewattingen, bei Fützen, bei Stühlingen, bei Thiengen und bei Waldshut, wo überall der Kalkstein vorherrschend und der Gips im Kalkstein sehr häufig eingelagert ist, der ohne Zweifel mit dem Jura zusammenhängt."
1825:Erwähnung des Gipsvorkommens in dem Buch: "Geognostische Umrisse der Rheinländer zwischen Basel und Mainz" (1825): [14]
"Über rauchgrauen Kalkstein gelangt man alsdann nach Unadingen, wo unweit der Post, in dem nach der Wutach sich hinziehenden Thale, ein Kohlenflötz in diesem rauchgrauen Kalkstein, und wie es scheint, in seinen obersten Bänken betrieben wird. […] Der Aussage der Bergarbeiter nach soll über diesem Kalkstein bei Unadingen Gips vorkommen. Wie dem auch sey, so befindet sich auf jeden Fall ganz nahe bei dieser Kohlegrube, dicht bei der Unadinger Post (welche 1/4 Stunde von dem Dorfe entfernt), eine sehr bedeutende Gipsgrube. Der Gips ist theils dicht, theils späthig, von verschiedenen grauen Farben, gestreift und sehr regelmässig in 1 bis 2 F. Mächtigen Bänken über dem Kalkstein gelagert, der von der Kohlengrube bis hierher ohne Unterbrechungen zu verfolgen ist. In den oberen Bänken des Gipses kommen dünne 1-2 Zoll mächtige Lagen von weissem Fasergips vor, und hier fangen auch schon rothe und bunte Mergel an zu erscheinen, und die höchsten Theile der Gipsgrube einzunehmen."
1830:Die Gemeinde Döggingen erhält die Genehmigung von der Standesherrschaft, Gips abzubauen. Weil Johannes Weltes Pachtvertrag weiterhin gültig ist, bekommt Döggingen nur ein Mitbenutzungsrecht eingeräumt. Bis 1838 dufte die Gemeinde nur „2000 Viertel Gips, das Viertel zu 2x, von Welte beziehen. Laut Beschluß des Bürgerausschusses sollten die 2000 Viertel so unter den Bürgern verteilt werden, daß jeder, entsprechend seinem bebaubarem Land, berücksichtigt wurde.“ [15]
ab 1839:Die Gemeinde Döggingen plant gemeinsam mit Posthalter Michael Welte und der Eulenmüllerin M. Anna Rosenstiel den Bau einer neuen Gipsmühle zwischen Posthaus und Eulenmühle. Am 14. April 1839 entschließen Gemeinderat und Bürgerausschuss, dass das Bauholz dafür im Gemeindewald gefällt werden muss. Am 21. Juli 1841 wird beschlossen, „Schleunig zu beginnen“. Die neue Gipsmühle entsteht nie und keiner weiß warum. [16]
um 1841:Die Gipsmühle geht durch Kauf des Posthauses an den Unadinger Karl Straub über. Ab 1846 pachtet er die Gipslager auf Dögginger Gemarkung. [17]
um 1846:Viele Pächterwechsel und auch Privatleute beginnen auf ihren Grundstücken Gips zu brechen. [18] „Zu jener Zeit glaubten viele, mit der Herstellung von Gips das große Geschäft tätigen zu können. Nicht nur die beiden Müller oder die Gemeinde versprachen sich hohen Gewinn, auch Privatleute eröffneten auf ihren Grundstücken Brüche. […] Die erhofften großen Gewinne blieben aus.“ [19] Der Gips fand damals fast ausschließlich zum Düngen der Äcker und Wiesen Verwendung, doch bereits um 1750 begann man in der Region auch Baugips herzustellen. [20]
1895:Die Gipsmühle wird erneut durch ein Hochwasser beschädigt. Der Schaden beläuft sich auf 10.000 Mark. [21]
1911:Gustav Reimnitz übernimmt die Gipsmühle und das Posthaus 22 – zunächst als Nebenerwerbstätigkeit und Ferienresidenz. Der Lebensmittelpunkt der Familie Reimnitz liegt damals noch in Mannheim, wo sie eine Schneiderei betreibt. [23]
ab 1919:Gustav Reimnitz investiert kräftig in die Industrialisierung des Gipsabbaus. Um die Wasserversorgung von Wasserrad und Turbine [24] zu sichern, lässt er den alten Kanal des Guggenmüllers unterhalb der Eulenmühle in Betonrohre verlegen. Das Wasserrad ersetzte er durch eine leistungsfähigere Turbine. Für den Transport der Steine vom Kupferbrunnen zum Werk lässt er eine Feldbahn anlegen. Auf einer Holzbrücke führt diese über die Gauchach. Nach dem Bau einer Gesteinstrockenkammer nimm die Firma Reimnitz neben der Produktion von Baugips die Herstellung von Gipsdielen auf. Ein eigener LKW fährt die Waren zum Verladebahnhof nach Unadingen. [25]
um 1920:Gipsmühlenbesitzer Gustav Reimnitz pachtete den Steinbruch im Gewann „Eselsdobel“ für vorerst 5 Jahre. [26] Später übernimmt Reimnitz auch den Abbau im Eselsbrunnen, den er mit einer kleinen Bahn und einer Brücke über die Gauchach erschließt. [27]
1930:Als die Gipsvorkommen am Kupferbrunnen zur Neige gehen, erschließt der Betrieb am Siibuck (Seuchenbuck) auf Gemarkung Unadingen einen neuen Bruch und lässt die Steine durch eine Seilbahn zum Werk befördern. [28] Der Siibuck wird im Tagebau als Ersatz für den Kupferbrunnenbruch erschlossen. Einige Spuren deuten auch auf einen Untertagebau hin.
nach 1945:Nach dem zweiten Weltkrieg bekommt der Gipsabbau in der Region neuen Aufschwung – auch wenn zunächst fast ausschließlich manuell gearbeitet wird. Nach der kriegsbedingten Schließung ist das Werk heruntergekommen und viele Hilfsmittel fehlen. An Stelle von Transmissionsriemen werden etwa Feuerwehrschläuche verwendet. [30] Mittlerweile ist Gustav Reimnitz' Sohn Friedrich Reimnitz Besitzer der Familien-Firma. [31] Durch das Kriegsende arbeitslos gewordene Blumberger Bergleute beginnen im Gewann Gaishalde/ „Gaisberg“ auf Dögginger Gemarkung eine 4 bis 6 Meter mächtige Gipsbank im Untertagebau auszubeuten. [32]
um 1950:Die Wasserkraft der Gipsmühle wird durch einen Dieselmotor, später durch einen Elektromotor ersetzt. Wie damals üblich, gibt es einen einzigen Antrieb der Steinbrecher, Mühle und Transport dient – ein störanfälliges System. Erst später bekam jede Maschine einen separaten Antrieb. [33]
1956:Nach einem schweren Unglück im Stollen, am 18. August 1956, bei dem der Bergmann Hermann Unold aus Unadingen [34] durch hereinbrechendes Gipsgestein getötet wurde, stellte die Firma Reimnitz auf Übertragbetrieb um. [35] Ein Frontlader, ein kleiner Allradkipper, ein größerer Kipper, eine Laderaupe und ein dritter Lastwagen werden angeschafft. [36]
1957:Nach dem Tod von Friedrich Reimnitz übernimmt seine Ehefrau Anna-Katharina Reimnitz die Geschäftsführung der Firma Reimnitz. [37] In Unadingen und Döggingen kennt man sie liebevoll als „Die Chefin“. [38]
1960:Nach der Schließung der Werke in Waldshut-Tiengen (um 1955) und Ewattingen (um 1962) erhält das Posthaus neuen Aufschwung. [39] Zwei weitere Vorbrennöfen erweitern das Gipswerk. [40]
1968:Bei einem Unglück im Übertragbetrieb im Januar 1968 sterben die Arbeiter Werner Greuter und Karl Straub durch großen herabfallenden Stein. Straub hinterlässt Frau und fünf Kinder, Greuter Frau und drei Kinder. [41]
um 1970:Neue Techniken der Gipsverarbeitung kommen auf dem Bau auf. Maschinen ersetzten die mühselige Handarbeit. [42] Der ansteigende Abraum und die veränderte Wettbewerbslage machen das Überleben für kleine Gipswerke schwierig. [43]
1971:Die Vereinigten Gipswerke GmbH, später Iphofen (Kreis Horb), die auch schon Werke in Wittershausen und Fützen betreibt, übernimmt die Nachfolge von Familie Reimnitz. [44]
1975:Die Gipsherstellung zwischen Unadingen und Döggingen wird eingestellt und um 1979 beginnt man mit dem Abbruch der Gebäude. [45]
Zusatz-Text: Die Schritte der Fertigung:  [46]
  1.  Die mittels Seilbahn beförderten Steine wurden in zwei Öfen von 10 Metern Länge durch Koksfeuer 2 Tage lang erhitzt und ihnen das Wasser entzogen. Um 1960 wurden fünf neue Öfen eingebaut, die die Trockenzeit auf einen Tag verkürzten.
  2.  Ein Brecher zermalmte die vorgebrannten Steine zu Splittgröße.
  3.  Dieser Splitt wurde in der Mühle auf dem Mahlgang von Granitsteinen auf etwa 3mm Feinheit zerrieben. Später übernahm eine elektromotorbetriebene  Hammermühle diese Funktion.
  4.  In einem Kessel wurde das Material noch einmal auf 180 Grad erhitzt und zu Baugips gebrannt.
  5.  Nach dem Auskühlen erfolgte das Feinmahlen. Eine Kreuzschlagmühle löste den Mahlgang später ab.• In den besten Jahren produzierte das Gipswerk am Posthaus bis zu 1000 Säcke Gips von je 40 Kilogramm am Tag
    • In zwei Schichten zu je 12 Stunden wurde damals gearbeitet
    • Belegschaft war damals bis zu 22 Mann stark
    • Abnehmer waren besonders Baustoffgroßhandlungen im Raum Freiburg, die die Ware mit Lastzügen abholten
Quellenangaben:

[1] Ortschronik Unadingen, S. 332 – 335
[2] Ortschronik Döggingen, S. 180 – 186
[3] „Das Gipswerk Posthaus“, Manuskript von Reiner Grüneberg, überarbeitete Fassung von Fritz Reimnitz
[4] „Das Gipswerk Posthaus“, Manuskript von Reiner Grüneberg, überarbeitete Fassung von Fritz Reimnitz
[5] https://www.kath-loeffingen.de/html/content/st_fridolin_reiselfingen.html
[6] „Das Gipswerk Posthaus“, Manuskript von Reiner Grüneberg, überarbeitete Fassung von Fritz Reimnitz
[7] „Das Gipswerk Posthaus“, Manuskript von Reiner Grüneberg, überarbeitete Fassung von Fritz Reimnitz
[8] Ortschonik Unadingen, S. 332 – 335
[9] Peter Reimnitz, schriftliche Rückmeldung vom 20.02.20
[10] Ortschronik Döggingen, S. 180 – 186 und „Das Gipswerk Posthaus“, Manuskript von Reiner Grüneberg, überarbeitete Fassung von Fritz Reimnitz
[11] Ortschronik Unadingen, S. 332 – 335
[12] Ortschronik Unadingen, S. 332 – 335 und Ortschronik Döggingen, S. 180 – 186
[13] „Neue Leichtfassliche Anleitung zur Salzwerkskunde mit vorzüglicher Rücksicht auf Halurgische Geognosie“, 1824, Seite 22
[14] „Geognostische Umrisse der Rheinländer zwischen Basel und Mainz“, 1825, Seite 93-94
[15] Ortschronik Döggingen, S. 180 – 186
[16] Ortschronik Döggingen, S. 180 – 186 und Ortschronik Unadingen, S. 332 – 335
[17] Ortschronik Döggingen, S. 180 – 186
[18] „Das Gipswerk Posthaus“, Manuskript von Reiner Grüneberg, überarbeitete Fassung von Fritz Reimnitz
[19] Ortschronik Döggingen, S. 180 – 186
[20] https://www.kath-loeffingen.de/html/content/st_fridolin_reiselfingen.html
[21] Ortschronik Unadingen, S. 332 – 335
[22] „Das Gipswerk Posthaus“, Manuskript von Reiner Grüneberg, überarbeitete Fassung von Fritz Reimnitz
[23] Peter Reimitz, Interview vom 19.12.19
[24] Peter Reimitz, schriftliche Rückmeldung vom 20.02.20
[25] Ortschronik Unadingen, S. 332 – 335
[26] Ortschronik Döggingen, S. 180 – 186
[27] „Das Gipswerk Posthaus“, Manuskript von Reiner Grüneberg, überarbeitete Fassung von Fritz Reimnitz
[28] Ortschronik Unadingen, S. 332 – 335
[29] „Das Gipswerk Posthaus“, Manuskript von Reiner Grüneberg, überarbeitete Fassung von Fritz Reimnitz
[30] Peter Reimitz, schriftliche Rückmeldung vom 1.02.20
[31] Peter Reimitz, Interview vom 19.12.19
[32] Ortschronik Unadingen, S. 332 – 335
[33] Peter Reimitz, schriftliche Rückmeldung vom 1.02.20
[34] Ortschronik Unadingen, S. 680
[35] „Das Gipswerk Posthaus“, Manuskript von Reiner Grüneberg, überarbeitete Fassung von Fritz Reimnitz
[36] Peter Reimitz, schriftliche Rückmeldung vom 1.02.20
[37] Peter Reimitz, Interview vom 19.12.19
[38] Diverse Interviews mit Zeitzeugen
[39] Peter Reimitz, schriftliche Rückmeldung vom 1.02.20 und Peter Reimnitz, schriftliche Rückmeldung vom 20.02.20
[40] Ortschronik Unadingen, S. 332 – 335 und „Das Gipswerk Posthaus“, Manuskript von Reiner Grüneberg, überarbeitete Fassung von Fritz Reimnitz und Peter Reimnitz, schriftliche Rückmeldung vom 20.02.20
[41] Walter Straub, Interview vom 21.02.20
[42] Ortschronik Unadingen, S. 332 – 335
[43] Peter Reimnitz, schriftliche Rückmeldung vom 20.02.20
[44] „Das Gipswerk Posthaus“, Manuskript von Reiner Grüneberg, überarbeitete Fassung von Fritz Reimnitz
[45] Ortschronik Unadingen, S. 332 – 335 und „Das Gipswerk Posthaus“, Manuskript von Reiner Grüneberg, überarbeitete Fassung von Fritz Reimnitz
[46] Ortschronik Unadingen, S. 332 – 335

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